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Metformin
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Metformin ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Biguanide, der in der Regel bei nicht insulinabhĂ€ngiger Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus Typ 2) und insbesondere bei leichtem Übergewicht (PrĂ€adipositas) und krankhaftem Übergewicht (Adipositas) eingesetzt wird. Es ist das am lĂ€ngsten und am hĂ€ufigsten verabreichte orale Antidiabetikum.cite-ref-3[3] Studien zufolge verringert es das Auftreten von kardiovaskulĂ€ren Ereignissen bei Typ-2-Diabetes.cite-ref-4[4]

Contents

‱ Diabetes
‱ Fettabbau
‱ Forschung
‱ Analytik
‱ Geschichte
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Wirkprinzip

Metformin gehört chemisch zu den Biguaniden. Ihr Wirkprinzip ist nach wie vor nicht vollstĂ€ndig geklĂ€rt. Die Wirkung von Metformin beruht vermutlich auf drei Mechanismen: So hemmt es zum einen die Glucose-Neubildung (Gluconeogenese) in der Leber.cite-ref-mehn2003-5-0[5] Experimentelle Studien ergaben, dass Metformin die mitochondriale Glycerin-3-phosphat-Dehydrogenase hemmt. In Folge stehen im Cytosol weniger Metabolite fĂŒr die Glucose-Neubildung zur VerfĂŒgung (siehe auch Glycerin-3-phosphat-Shuttle), und es fĂ€llt vermehrt Laktat an. Die seltene Nebenwirkung der Laktatazidose bei Überdosierung kann damit erklĂ€rt werden.cite-ref-6[6] Neben der Aufnahme von Zucker (Glucose) mit der Nahrung stellt dieser Stoffwechselweg, mit dem Glucose aus dem Umbau von AminosĂ€uren und anderen Stoffwechselprodukten gewonnen wird, eine wichtige EinflussgrĂ¶ĂŸe des Blutzuckerspiegels dar. Daneben soll Metformin die Resorption von Glucose im Darm hemmen und ferner die Insulinresistenz verringern, wodurch die Aufnahme in die Muskelzellen verbessert wird.cite-ref-mehn2003-5-1[5] Jedoch sind beide Effekte bislang nicht sicher nachgewiesen.cite-ref-pmid16477438-7-0[7]

Ferner ist bekannt, dass der Komplex I der Atmungskette ebenfalls einen Angriffspunkt von Metformin darstellt.cite-ref-8[8] Der Mechanismus beruht darauf, dass aufgrund des durch die Mitochondrien aufgebauten elektrischen Membranpotentials es fĂŒr die positivgeladenen Ionen (wie Metformin beim physiologischen pH-Wert) leicht ist, im Mitochondrium zu akkumulieren. Der IC50-Wert fĂŒr Metformin in HepG2-Zellen betrĂ€gt 330 ”M.cite-ref-9[9] Durch neueste EM-Studien wird vermutet, dass der primĂ€re inhibitorische Wirkort des Metformins am Ubichinon-Bindungskanal des Komplex I liegt, wĂ€hrend sich eine weitere Bindestelle an der ND5-Untereinheit befindet.cite-ref-10[10] Durch die inhibitorische Wirkung von Metformin am Komplex I kann auch die antidiabetische Wirkung und der durch Metformin ausgelöste moderate Gewichtsverlust erklĂ€rt werden.cite-ref-11[11]

Anwendungen

Diabetes

Metformin ist angezeigt bei Patienten, bei denen durch DiĂ€t und körperliche Bewegung keine ausreichende Einstellung des Blutzuckerspiegels erreicht werden kann.cite-ref-12[12] Metformin soll entsprechend der Nationalen Versorgungsleitlinie zum Typ-2-Diabetes (Stand 2021) als Mittel der ersten Wahl eingesetzt werden – abhĂ€ngig von individuellen Risikofaktoren entweder als Monotherapie oder in Kombination mit einem SGLT-2-Hemmer (SGLT2i) oder einem GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA). Sofern damit das individuelle Therapieziel des jeweiligen Patienten innerhalb von 3 bis 6 Monaten nicht erreicht wird, soll ein zusĂ€tzliches oder ggf. alternatives Medikament eingesetzt werden. Infrage kommen hierzu neben den bereits genannten SGLT2i und GLP-1-RA auch Sulfonylharnstoffe, Dipeptidyl-Peptidase-4-Inhibitoren (DPP4-Hemmer) sowie Insulin.cite-ref-nvl-t2dm-2021-13-0[13]

Metformin steht in WirkstĂ€rken von 500 mg, 850 mg und 1000 mg fĂŒr die orale Gabe zur VerfĂŒgung, um eine individuelle Blutzuckereinstellung vornehmen zu können. Die Tabletten werden zu oder nach den Mahlzeiten verabreicht. Nach einer Initialphase von circa 14 Tagen, in der man niedrig beziehungsweise mittelstark dosiert einsteigt, ist meist eine Dosisanpassung anhand der Blutglucosespiegel notwendig. Bei eingeschrĂ€nkter Nierenfunktion ist eine Reduktion der Dosis erforderlich. Metformin hat positive und protektive Eigenschaften bei Lebererkrankungen. Es sollte aber, da die hepatische Laktatelimination eingeschrĂ€nkt sein kann, bei fortgeschrittener Leberzirrhose oder Alkoholintoxikation nicht mehr eingesetzt werden.cite-ref-14[14]

Zur Erhöhung der Therapietreue der Patienten (Compliance) und zur Verringerung der Anzahl der einzunehmenden Tabletten kann Metformin mit einem Insulin-Sensitizer wie Pioglitazon, einem DPP4-Hemmer wie Vildagliptin oder einem SGLT-2-Hemmer wie Dapagliflozin kombiniert werden; entsprechende fixe Kombinationen gibt es im Handel.

Polyzystisches Ovar-Syndrom (Off-Label)

Metformin wird seit Jahren außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete (d. h. im Off-Label-Use) bei der Behandlung des Polyzystischen Ovarialsyndroms (PCOS) verwendet und durch internationale Leitlinien empfohlen, insbesondere bei ĂŒbergewichtigen Patientinnen.cite-ref-teede2018-15-0[15] Tierversuche deuten darauf hin, dass Metformin die beim PCOS oft krankhaft gesteigerte Produktion des mĂ€nnlichen Geschlechtshormons Testosteron blockiert.cite-ref-pmid16479139-16-0[16] Es soll am Polyzystischen Ovarialsyndrom erkrankten Frauen eine Möglichkeit eröffnen, dennoch schwanger zu werden. In diesem Fall werden die Kosten nicht durch die gesetzlichen Krankenversicherung ĂŒbernommen.

Fettabbau

Im Umfeld der Bodybuilding-Szene wird Metformin zum Fettabbau verwendet.cite-ref-kastolin-17-0[17]cite-ref-18[18]cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]

Aufgrund der gĂŒnstigen Wirkung auf das Körpergewicht bei Erwachsenen wurde versucht, Metformin auch bei ĂŒbergewichtigen Kindern einzusetzen – jedoch ohne den gewĂŒnschten Effekt.cite-ref-doi10-1001-jamapediatrics-2013-4200-21-0[21]

Forschung

In mehreren Studien wurde untersucht, ob Metformin das Krebsrisiko bei Typ-2-Diabetikern verringern kann. Anlass hierfĂŒr war ein wachstumshemmender Effekt Metformins in Tierstudien mit WĂŒrmern: Als SignalmolekĂŒl soll es das Zellwachstum stoppen, wodurch unkontrolliertes Zellwachstum verhindert wird. Die Ergebnisse in Humanstudien sind aber widersprĂŒchlich und wenig aussagekrĂ€ftig.cite-ref-22[22] So ist beispielsweise nicht klar, ob die erfolgreiche Behandlung gegen Diabetes selbst nicht das Krebsrisiko senkt. FĂŒr einen protektiven Effekt bei Gesunden fehlen Studien.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA genehmigte im Herbst 2015 eine Studie mit 3000 Probanden. An der im Jahr 2019 begonnene Studiecite-ref-23[23] haben Personen zwischen 70 und 80 Jahren teilgenommen, die an Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Kognitionsstörungen (z. B. Demenz) litten bzw. ein erhöhtes Risiko dafĂŒr hatten. Es sollte untersucht werden, ob die Lebenserwartung der Probanden durch Metformin verlĂ€ngert werden kann und ob der Verlauf bereits bestehender Erkrankungen positiv beeinflusst wurde. Die Entscheidung der FDA erregte besondere Aufmerksamkeit, da sie zum ersten Mal eine Studie genehmigte, deren Ziel nicht unmittelbar die Verhinderung, Behandlung oder Heilung einer Erkrankung ist, sondern die Verlangsamung des Alterungsprozesses.cite-ref-24[24]

Laut einer 2019 veröffentlichten Studie mit Tierversuchen kann Metformin in MÀusen HirnschÀden nach einem Schlaganfall teilweise reparieren, allerdings nur in weiblichen MÀusen: Estrogen förderte diese Wirkung, Testosteron aber hemmte sie.cite-ref-25[25]

Eine Langzeitstudie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften an gesunden, mĂ€nnlichen Javaneraffen im Alter von 13–16 Jahren (entspricht etwa 40–50 Menschenjahren) zeigte, dass Metformin altersverlangsamende Effekte haben kann. Die Versuchstiere erhielten ĂŒber einen Zeitraum von 3 Jahren eine tĂ€gliche Metformin-Dosis von 20 mg/kg, wĂ€hrend eine Kontrollgruppe Placebo bekam. Metformin verzögerte bei den Affen das Auftreten altersassoziierter Erkrankungen wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz. Damit wurde erstmals eine potenziell geroprotektive Wirkung von Metformin bei gesunden Primaten nachgewiesen.cite-ref-26[26]

Gegenanzeigen und AnwendungsbeschrÀnkungen

Bei einer diabetischen Ketoazidosecite-ref-fi-27-0[27] oder dem diabetischen Koma ist Metformin kontraindiziert.

Metformin darf außerdem nicht bei schwerer Niereninsuffizienz, Leberinsuffizienz, Alkoholismus oder solchen BegleitumstĂ€nden eingesetzt werden, die eine ÜbersĂ€uerung durch MilchsĂ€ure begĂŒnstigen können.cite-ref-fi-27-1[27] Hierzu zĂ€hlt die instabile Herzinsuffizienz oder etwa ein Fasten. Herzinfarkt, Schock oder schwere Infektionen verbieten seine Anwendung. Der Verdacht, dass Patienten mit Lungenemphysem oder COPD III erhöhtes Risiko fĂŒr die metformininduzierte Laktatazidose tragen, wurde durch einen Cochrane-Report ausgerĂ€umt.cite-ref-28[28]

Hinweise auf eine fruchtschĂ€digende (teratogene) Wirkung konnten bisher (Stand 2015) in allen Studien nicht gefunden werden. Auch in Tierversuchen konnte keine schĂ€dliche Wirkung auf die vorgeburtliche Entwicklung festgestellt werden. Bei Patientinnen, die schwanger sind oder werden möchten, wird dennoch empfohlen, den Diabetes vorsichtshalber nicht mit Metformin zu behandeln, sondern eine Normalisierung des Blutzuckerspiegels mit Insulin herbeizufĂŒhren.cite-ref-29[29] Metformin ist plazentagĂ€ngig und geht in die Muttermilch ĂŒber. Es sollte wĂ€hrend der Schwangerschaft und bei stillenden MĂŒttern nur in begrĂŒndeten FĂ€llen in Form eines sogenannten Therapieversuches eingesetzt werden, z. B. wenn die notwendigen Insulindosierungen sehr hoch sind.

Vor Operationen, AnĂ€sthesien, Untersuchungen mit intravaskulĂ€rer Verabreichung (ĂŒber das Blut) von Kontrastmitteln oder intensivmedizinischer Betreuung soll Metformin 24 bis 48 Stundencite-ref-30[30] vor dem Ereignis aufgrund des Risikos einer ÜbersĂ€uerung (Azidose) des Blutes (Laktatazidose) abgesetzt werden.

Kortison bzw. Glukokortikoide, Asthma-Medikamente und EntwĂ€sserungsmittel können Wechselwirkungen verursachen. Dadurch wird die blutzuckersenkende Wirkung verringert. Bei der Einnahme von Herz-Kreislauf-Medikamenten, die der ACE-Hemmer-Gruppe zugehörig sind, kann es zu einer unerwĂŒnschten, verstĂ€rkten Senkung des Blutzuckerspiegels kommen.

WĂ€hrend der Stillzeit darf Metformin nicht eingenommen werden.cite-ref-31[31]

Das Risiko einer Laktatazidose wird durch die gleichzeitige Einnahme von Metformin und einer grĂ¶ĂŸeren Menge Alkohol erhöht. Bei alkoholabhĂ€ngigen Patienten ist Metformin daher kontraindiziert. Bei Metformin ist das Risiko fĂŒr eine Laktatazidose allerdings wesentlich geringer als bei Phenformin, welches aufgrund dieses Risikos in Deutschland nicht mehr im Handel ist.cite-ref-32[32] Daher gilt fĂŒr Patienten, die Metformin einnehmen, eine gelegentliche moderate Alkoholaufnahme mit einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit verbunden als unbedenklich. Dies bedeutet, dass Frauen ein Glas Wein, Sekt (etwa 100 ml) oder Bier (etwa 250 ml) und MĂ€nner entsprechend das Doppelte (Frauen bis 10 g Alkohol/Tag, MĂ€nner bis 20 g Alkohol/Tag) zu einer Mahlzeit konsumieren können. Kohlenhydratreiche alkoholische GetrĂ€nke sollten dabei vermieden werden.cite-ref-33[33]

Nebenwirkungen

Als Nebenwirkung treten hĂ€ufig und meist nur zu Behandlungsbeginn gastrointestinale Beschwerden auf wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, die durch langsame, einschleichende Dosierung ĂŒber 2–3 Wochen oft umgangen werden können.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) berichtet im MĂ€rz 2013 ĂŒber die „Zunahme von Spontanberichten ĂŒber Metformin-assoziierte Laktatazidosen“ („Aus der UAW-Datenbank“).cite-ref-34[34]

Bei Infektionen mit massivem Erbrechen und anhaltendem, schwerem Durchfall ist Metformin aufgrund der Gefahr einer ÜbersĂ€uerung des Organismus abzusetzen. Vor allem bei niereninsuffizienten Patienten und im Zusammenhang mit Narkosen können lebensbedrohliche Laktatazidosen auftreten. Metformin sollte daher 48 Stunden vor und nach operativen Eingriffen abgesetzt werden.cite-ref-35[35]

Eine Unterzuckerung (HypoglykÀmie) tritt unter der alleinigen Therapie mit Metformin nicht auf, kann jedoch nach Alkoholexzess vorkommen, da Alkohol selbst den Blutzuckerspiegel senkt.cite-ref-36[36]

Ein Vitamin-B12-Mangel tritt hĂ€ufig als Nebenwirkung von Metformin auf, insbesondere bei langfristiger Einnahme, hoher Dosierung oder weiteren Risikofaktoren (u. a. höheres Alter, vegetarische/vegane ErnĂ€hrung, Einnahme von Protonenpumpenhemmern oder chronisch-entzĂŒndliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn). Mögliche Symptome eines Vitamin-B12-Mangels sind AnĂ€mie oder Polyneuropathie, die sich im Fall der AnĂ€mie u. a. durch starke Erschöpfung und blasse oder gelbliche Haut sowie im Fall der Polyneuropathie u. a. durch Missempfindungen wie Kribbeln oder TaubheitsgefĂŒhl an HĂ€nden und FĂŒĂŸen Ă€ußern können. Diese Symptome eines Vitamin-B12-Mangels können fĂ€lschlich als Diabetes- oder altersbedingt gedeutet werden. Daher empfiehlt die AkdÄ, bei Verdacht auf einen Mangel den Vitamin-B12-Spiegel im Blut zu untersuchen. Bei Risikofaktoren fĂŒr einen Mangel könnte eine regelmĂ€ĂŸige Überwachung der Patienten erforderlich sein. Ein Vitamin-B12-Mangel kann u. a. durch Supplementierung behandelt werden, wobei die Behandlung mit Metformin gleichzeitig fortgesetzt werden kann.cite-ref-akd-metformin-37-0[37]cite-ref-mhra-metformin-38-0[38]

Anhand von Daten aus landesweiten dĂ€nischen Registern, die mehr als 1,1 Millionen Neugeborene einschließen, stellten Forschende einen Zusammenhang zwischen der vĂ€terlichen Einnahme von Metformin vor der Zeugung und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen bei Kindern fest. Es ist noch nicht absehbar, welchen Einfluss die Daten auf die weitere Behandlung von MĂ€nnern mit Diabetes und Kinderwunsch haben.cite-ref-39[39]

Analytik

Zur zuverlĂ€ssigen qualitativen und quantitativen Bestimmung von Metformin kommt nach angemessener Probenvorbereitung die Kopplung der HPLC mit der Massenspektrometrie zum Einsatz. Das gilt fĂŒr die Analytik von Serum oder Plasmaproben.cite-ref-40[40]cite-ref-41[41] Diese Methodik eignet sich ebenfalls zur sicheren Bestimmung von Metformin in Abwasserproben.cite-ref-42[42] Bei rechtsmedizinischen Fragestellungen im Falle einer Laktazidose wurde diese analytische Vorgehensweise ebenfalls erfolgreich eingesetzt.cite-ref-43[43]

Umweltaspekte

Metformin und sein Haupttransformationsprodukt Guanylharnstoff wurden regelmĂ€ĂŸig in KlĂ€rwerkabflĂŒssen und OberflĂ€chengewĂ€ssern nachgewiesen. Dabei wurde Guanylharnstoff in Konzentrationen ĂŒber 200 Mikrogramm pro Liter im Fluss Erpe bei Berlin gemessen. Diese Werte liegen im Bereich der höchsten Nachweiskonzentrationen von Arzneimittel-Transformationsprodukten in der aquatischen Umwelt.cite-ref-pmid30350841-44-0[44] Beide Stoffe sind persistent. Bei ökotoxikologischen Tests konnte ein negativer Einfluss von Metformin auf Lemna minor, Daphnia similis und Danio rerio nachgewiesen werden. Ebenso zeigte Metformin signifikante endokrine Effekte bei mĂ€nnlichen Danio rerio in Richtung Feminisierung bei Konzentrationen, die bereits in deutschen FlĂŒssen gefunden wurden. Auch hinsichtlich des Gesundheitlichen Orientierungswertes (GOW im Trinkwasser = 1,0 ÎŒg/L) wurde dieser in den OberflĂ€chenwĂ€ssern bereits oft ĂŒberschritten.cite-ref-szb-45-0[45] Der Rhein bei Basel trĂ€gt ĂŒber ein ganzes Jahr betrachtet rund 13 Tonnen des Antidiabetikums in Richtung Nordsee.cite-ref-46[46]

Handelsnamen

Biocos (D), Diabesin (D), Diabetase (D), Diabetex (A), Espa formin (D), Glucobon Biomo (D), Glucophage (D, A, CH), Juformin (D), Mediabet (D), Meglucon (A), Mescorit (D), Met (D), Metfin (CH), Metfogamma (D), Metformin-CT (D), Siofor (D) und andere

Avandamet (D, A, CH), Competact (D, A, CH), Efficib (A), Eucreas (D, A), Janumet (D, A, CH), Komboglyze (D), Pioglitazone/Metforminhydrochloride (A), Synjardy (EU), Velmetia (D, A), Vildagliptin/Metformin hydrochlorid (A), Xigduo (D), Zomarist (A)

Geschichte

Die heilende Wirkung der Geißraute (Galega officinalis), die das Alkaloid Galegin (Isoamylenguanidin, ein Abkömmlingcite-ref-47[47] der starken Base Guanidin) enthĂ€lt, war schon lĂ€nger bekannt. Seit dem Mittelalter wurde Geißraute unter anderem bei Diabetes bzw. dessen Symptomen verwendet (J. Hill, 1777). Die blutzuckersenkende Wirkung von Guanidin wurde 1918 durch C. K. Watanabe gezeigt. Jedoch ist Guanidin zu toxisch, um als Heilmittel verwendet zu werden. 1879 synthetisierte Bernhard Rathke das Biguanid, die Leitstruktur der Biguanide, 1922cite-ref-48[48] erfolgte in Dublin die Synthese von Metformin durch E. A. Werner und J. Bell. Die blutzuckersenkende Wirkung von Metformin und anderen Biguaniden wurde 1929 gezeigt (G. Hesse und G. Taubmann, Karl Slotta und R. Tschesche). Die Verwendung der anderen Biguanide bei Diabetes wurde aber in den 1920er und 1930er Jahren wegen ihrer ToxizitĂ€t und wegen des Aufkommens von Insulin aufgegeben. Erst 1957 wurde durch den französischen Arzt Jean Sterne (1909–1997), damals an den Aron Laboratories in Suresnes westlich Paris, die blutzuckersenkende Wirkung von Metformin (damals Glucophage genannt, fĂŒr Glucose-Esser) neu entdeckt.cite-ref-49[49] Damals untersuchte er mit der Pharmakologin Denise Duval mehrere Guanidin-basierte Substanzen an Tieren und fand Metformin besonders vielversprechend, was er in klinischen Studien testete. ZunĂ€chst wurden aber in der Therapie andere Biguanide bevorzugt, insbesondere Phenformin (besonders in den USA, vermarktet von Ciba-Geigy) und Buformin (besonders in Deutschland). Sie waren potenter als Metformin, wurden aber schließlich wegen höheren Risikos der Laktatazidose in den 1970er Jahren aufgegeben. Metformin, das zunĂ€chst nur eine untergeordnete Rolle spielte, wurde 1958 in Großbritannien und Frankreich und 1972 in Kanada zugelassen (Ende der 1960er Jahre war es in ĂŒber 40 LĂ€ndern zugelassen, mit Ausnahme von Nordamerika und Osteuropa)cite-ref-50[50] und erhielt 1994 eine FDA-Zulassung in den USA, so dass es 1995 in den USA auf den Markt kam (durch Bristol Myers Squibb). Trotz deutlichen Unterschieden litt die Verbreitung am Misstrauen gegen die anderen Biguanide. 1998 wurde eine positive kardiovaskulĂ€re Langzeitwirkung von Metformin in der UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) festgestellt.cite-ref-51[51]

Wirtschaftliches

Metformin ist eines der am hĂ€ufigsten verschriebenen und kostengĂŒnstigsten Medikamente zur Behandlung von Typ-2-Diabetes. In Deutschland nehmen rund 2,9 Millionen Menschen dieses PrĂ€parat ein. Die Herstellungskosten sind niedrig, und der gesetzlich gedeckelte Preis fĂŒr eine Dreimonatspackung betrĂ€gt durchschnittlich etwa 5 Euro. Durch eine neue EU-Abwasserrichtlinie sind Pharmahersteller verpflichtet, sich an den Kosten fĂŒr zusĂ€tzliche Reinigungsstufen in KlĂ€ranlagen zur Entfernung von MedikamentenrĂŒckstĂ€nden zu beteiligen. FĂŒr Metformin könnten diese Zusatzkosten laut SchĂ€tzungen bis zu 445 Prozent der aktuellen Herstellungskosten betragen. Da die Preise fĂŒr Generika gesetzlich festgelegt sind, können diese Mehrkosten nicht an Patienten oder Krankenkassen weitergegeben werden. Mehrere große Generikahersteller wie Zentiva und Sandoz haben angekĂŒndigt, dass sie die Produktion von Metformin in Deutschland einstellen könnten. Ein möglicher MarktrĂŒckzug wĂŒrde dazu fĂŒhren, dass Millionen Patienten auf teurere Alternativen umsteigen mĂŒssten. Die Krankenkassen wĂŒrden dadurch laut Berechnungen mit bis zu 1,5 Milliarden Euro Mehrkosten pro Jahr belastet, verglichen mit den derzeitigen Ausgaben fĂŒr Metformin von etwa 350 Millionen Euro jĂ€hrlich.cite-ref-52[52]

Literatur

‱ Clifford J. Bailey: Metformin: historical overview. In: Diabetologia. 2017, Nr. 60, S. 1566–1576, doi:10.1007/s00125-017-4318-z.
‱ Clifford J. Bailey, I. W. Campbell, J. C. N. Chan u. a. (Hrsg.): Metformin, the Gold Standard. A Scientific Handbook. Erstausgabe, John Wiley & Sons, Chichester (UK) 2007, ISBN 978-0-470-72541-2.

Weblinks

Commons

: Metformin

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

cite-note-merckindex-11. Metformin. In: The Merck Index: An Encyclopedia of Chemicals, Drugs, and Biologicals. 14. Auflage. Merck & Co., Whitehouse Station NJ 2006, ISBN 0-911910-00-X, S. 1025.
cite-note-sigma-22. Datenblatt Metformin hydrochloride bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 5. November 2016 (PDF).
cite-note-33. ↑ S. Naveed, A. Shafiq u. a.: Degradation Study of Available Brands of Metformin in Karachi Using UV Spectrophotometer. In: Journal of Diabetes and Metabolism. Nr. 5, 2014, S. 328, doi:10.4172/2155-6156.1000328.
cite-note-44. ↑ Effect of intensive blood-glucose control with metformin on complications in overweight patients with type 2 diabetes (UKPDS 34). UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) Group. In: The Lancet. Band 352. Jahrgang, Nr. 9131, 1998, S. 854–865, PMID 9742977.
cite-note-mehn2003-55. ↑ H. Mehnert: Diabetologie in Klinik und Praxis. 5. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2003, ISBN 3-13-512805-9, S. 219 ff. (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-66. ↑ Ele Ferrannini: The Target of Metformin in Type 2 Diabetes. In: New England Journal of Medicine. 2014, Band 371, S. 1547–1548. doi:10.1056/NEJMcibr1409796 Madiraju et al. Metformin suppresses gluconeogenesis by inhibiting mitochondrial glycerophosphate dehydrogenase. Nature 2014;510:542–546. doi:10.1038/nature13270
cite-note-pmid16477438-77. ↑ A. Natali, E. Ferrannini: Effects of metformin and thiazolidinediones on suppression of hepatic glucose production and stimulation of glucose uptake in type 2 diabetes: a systematic review. In: Diabetologia. Band 49, Nr. 3, MĂ€rz 2006, S. 434–441, doi:10.1007/s00125-006-0141-7. PMID 16477438. (Review).
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